“JEDEM MATERIAL WOHNT EINE BESTIMMTE WÜRDE INNE. DIE LÄSST SICH DURCH GUTE GESTALTUNG BETONEN.”
\\
“THERE IS A CERTAIN DIGNITY INHERENT IN EVERY MATERIAL. IT CAN BE RELEASED AND ACCENTUATED BY DESIGN.”

/Carsten Gollnick


INTERVIEW MIT UTA ABENDROTH:

Haben Sie eine Idealvorstellung davon, was Design sein sollte?
Für mich bedeutet Design die Bereicherung unserer Alltagskultur und darüber hinaus sogar die Schaffung kultureller Werte. Es geht um die perfekte Balance von Technik, Philosophie und Poesie. Im dreidimensionalen Objekt vereint sich das Materielle als Phänomen von Licht, Schatten und Struktur. Menschliche Bedürfnisse nach funktionaler Sicherheit und Emotionalität sollen sich idealerweise in einem neuen ästhetischen Kontext versöhnen.

Und was ist Design für Sie: Mode, Lifestyle oder Haltung?
Ganz klar: Haltung! Ich bin stets aufs Neue neugierig auf die kreative Aufgabe. Ich möchte die Geschichte und die Herkunft meiner Produkte kennen lernen. Dafür brauche in Informationen, möchte wissen, wer das Objekt herstellen wird, warum es entworfen werden soll. Über allem steht die Frage, wer mein Produkt benutzen wird. Wie sehen die Hände aus, die es anfassen? Wie sieht das Umfeld aus, in dem es steht? Und welchen Gesichtsausdruck haben die Menschen, die es besitzen und benutzen?

Es ist immer öfter vom „Storytelling“ die Rede, egal ob in der Innenarchitektur oder bei der Produktgestaltung. Können
Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?

Ich würde eher von „Szenarischem Denken“ sprechen. Es ist doch so: Kein Objekt ist isoliert zu entwerfen oder zu begreifen. Jedes Ding ist in einen faszinierenden Kontext eingebunden, dabei geht es mal ums Wohnen, mal ums Arbeiten und mal ums Genießen. Diesen komplexen Produktkontext muss man als Kreativer verstehen und respektieren. Nur so kann man emotionale und relevante Produkte schaffen. Ich möchte dem Design, das durch Gebrauch und Funktion charakterisiert wird, eine poetisch-szenarische Komponente zur Seite stellen. So wie ich Gestaltung verstehe, geht es um eine sehr intensive und persönliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Am Ende erzählt das Produkt, ein dreidimensionales, berührbares Objekt, eine Geschichte. Im Idealfall ist es die Geschichte, in der es gelingt zu erklären, was dich als innerlich Designer bewegt und wo deine Wurzeln sind.

\\ DE


Do you have an ideal conception of what design should be?
For me, design is all about enriching our everyday culture and even goes as far as creating cultural values. It's all about the perfect balance of technology, philosophy and poetry. In a three-dimensional object, the material is united as a phenomenon of light, shade and structure. Man's needs for functional security and emotional involvement should ideally be reconciled in a new aesthetic context.


And what is design for you: fashion, lifestyle or attitude?
Very definitely attitude! I am always curious about the creative task. I want to find out about the history and origin of my products. For that purpose, I need information, would like to know who is manufacturing the object and the purpose of its design. Above all I want to know who is going to use my product. What do the hands that are going to touch it look like? What does the environment look like in which it is going to stand? And what is the expression on the face of the people who are going to own and use it?

People are talking more and more about "storytelling", both in interior design and product design. What does this term mean for you?
I would rather talk about "situative thinking". I see it like this: no object can be designed or understood in isolation. Every thing is integrated in a fascinating context, sometimes that context is residential, sometimes the object is in a working context and at other times it might be to do with pure pleasure. Working in a creative profession, you have to understand and respect this complex product context. Because that is the only way to create emotional and meaningful products. I want to give design what I call a poetic scenario characterised by purpose and function. The way I understand design, it is all about dealing with a subject in a very intense and personal way. At the end of the day, the product, in other words a three-dimensional, palpable object, tells a story. Ideally, it is a story that can explain what moves you as a designer and where your roots are.

\\ EN



Wussten Sie schon früh, dass Sie einen kreativen Beruf ergreifen würden?
Ich hatte das Glück, nicht gerade zu wissen, aber doch früh zu spüren, dass ich etwas Kreatives machen möchte. Mein erster Berufswunsch war Koch....


Was reizt Sie am Design?
Mich reizt der kreative Prozess an sich. Da entsteht etwas Sinngebendes, vielleicht etwas Schönes aus einem Gedanken. Der Weg von der Idee über die Zeichnung und das Modell, die Nutzung von analogen und digitalen Werkzeugen, die Kommunikation und das konstruktive Auseinandersetzen mit den Menschen, die die Idee in ein dreidimensionales Objekt umsetzen und dann das erste sinnliche Wahrnehmen, Anfassen, Riechen, Nutzen… – das fasziniert mich bis heute.

Was inspiriert Sie am stärksten?
Die Natur und ihre Phänomene. Eine sehr wichtige Rolle spielt für mich das Meer in all seinen Facetten und seine Grenzzone zum Land, die Küste.

Wer oder was hatte in stilistischer Hinsicht den größten Einfluss auf Sie?
Stilistik ist die Sprache, in der man gestalterisch spricht. Ich mag den japanischen Stil und den italienischen, manchmal den deutschen, häufig den französischen.

Sie haben eine starke Verbindung zu asiatischer Ästhetik. Wie kam es dazu?
Das ist eher eine Geschichte des „Gefunden Werdens“, als das ich mich da bewusst entschieden habe. Der ostasiatische Kulturraum, vorrangig Japan und Korea, faszinieren mich einfach. Es gibt viele, teilweise eher unspektakuläre Aspekte, die mich berühren. So etwa die philosophische Haltung gegenüber der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen, das Wertschätzen von Gestaltung bei allen Dingen und Details des alltäglichen Lebens. Oder der Umgang mit Farben und Oberflächen.

In Japan gibt es zum Beispiel keinen wertenden Unterschied zwischen Kunst und dem sensiblen Gestalten von schönen Gebrauchsgegenständen wie in unserem Kulturkreis. Die Schubladen „Kunst“, „Kunsthandwerk“ und „Produktdesign“ sind dort längst nicht so definiert wie bei uns. Außerdem beeindruckt mich das Prinzip des „mono no aware“, Dabei geht es um die Achtung der Eigenheit der Dinge, die sich aus der Traurigkeit über die Vergänglichkeit entwickeln und gleichzeitig dem Gefühl, sich damit abzufinden.

Zeitgeist und Zeitlosigkeit bedeuten für Sie …
Das Produkt für das Umfeld und den Nutzungsbedarfs des Menschen passend und poetisch gestaltet zu haben.

Was für eine Rolle spielen für Sie Begriffe wie Handwerk, Luxus oder Eleganz?
Die Begrifflichkeit Luxus ist schwer zu fassen. Er liegt für mich nicht in der Beschaffenheit, in vermeintlich reichen Materialien und Oberflächen. Vielmehr bedeutet Luxus, sich viel Zeit nehmen zu dürfen für den Entwurfsprozess, die Chance, nachhaltige und langlebige Materialien und Herstellungsverfahren wählen zu dürfen. Handwerk ist häufig eine Inspiration und spielt eine Schlüsselrolle bei der Überlegung, wie eine Idee umgesetzt, ein Objekt hergestellt werden kann. Und Eleganz im Design bedeutet für mich konzeptionelle Autonomie und emotionale Großzügigkeit sowie der würdevolle Umgang mit Material und Farbe. Eleganz ist mehr eine Frage der Haltung als ein rein formensprachlicher Ausdruck.

\\ DE


Did you know at an early stage that you were going to have a creative profession?
I was lucky enough not exactly to know but certainly to feel that I wanted to something creative. Originally I wanted to be a chef....


What fascinates you about design?
I just love the whole creative process. Design results in something meaningful, maybe something beautiful from a particular thought. The path from the idea through the drawing and the model, the use of both analogue and digital tools, the communication and the constructive discussions with the people who are going to transform your idea into a three-dimensional object, and then the first actual seeing, touching, smelling, using … – that is something that still fascinates me today.

What inspires you most?
Nature and its phenomena. The sea in all its facets plays a very important role for me as does its border area with land, in other words the coast.

Who or what had the greatest influence on you in terms of style?
Style is the language in which you talk in design terms. I like Japanese and Italian style, sometimes German style and often French style.

You have a very strong bond with Asian aesthetics. How did that come about?
That is more a story of "being found" as opposed to something I made a conscious decision about. I am just fascinated by the Eastern Asian cultural area, primarily Japan and Korea. There are many aspects, some of which quite unspectacular, that move me. For example the philosophical attitude to the design of commodities, the appreciation of design in all things and details of everyday life. Or the way they deal with colours and surfaces. In Japan, for example, there is no judgemental difference made between art and the sensitive designing of attractive commodities and you will certainly find that difference in our culture area. Unlike us, they have stopped having strict definitions and pigeon-holing of "art", "art craftsmanship" and "product design". In addition, I am impressed by the principle of "mono no aware" (the pathos of things). That is all about paying attention to the peculiarities of things which develop from the sadness about transience and at the same time the feeling of coming to terms with that.

In your opinion, the spirit of the times and timelessness mean …
Having designed the product appropriately and poetically for a particular environment and a person's usage requirements.

What role do the terms craftsmanship, luxury and elegance play for you?
The concept of luxury is difficult to define. For me it is not a question of texture, of supposedly rich materials and surfaces. Luxury is far more about being able to take a lot of time for the design process, the opportunity to be able to select sustainable and durable materials and manufacturing procedures. Craftsmanship is often an inspiration and plays a key role in the consideration of how an idea can be implemented and how an object can be made. And for me elegance in design means conceptual autonomy and emotional freedom as well as the dignified handling of material and colour. Elegance is more a question of attitude than a pure expression of design language.

\\ EN


“DESIGN SCHAFFT KULTURELLE WERTE – DIE PERFEKTE BALANCE VON TECHNIK, PHILOSOPHIE UND POESIE.”
\\
“DESIGN CREATES CULTURAL VALUES – THE PERFECT BALANCE OF TECHNOLOGY, PHILOSOPHY AND POETRY.”

/Carsten Gollnick


“ICH MÖCHTE WISSEN, WO DAS MATERIAL FÜR MEINE PRODUKTE SEINEN URSPRUNG HAT, WIE DIE DINGE HERGESTELLT WERDEN UND WER SIE HERSTELLT. UND DANN INTERESSIERT ES MICH NATÜRLICH AUCH, WER SIE SPÄTER IN DEN HÄNDEN HÄLT UND SIE WIE IN SEINEN HÄNDEN ALLTAG INTEGRIERT.”
\\
“I WANT TO KNOW THE ORIGIN OF THE MATERIAL USED FOR MY PRODUCTS, HOW THINGS ARE MADE AND WHO MAKES THEM. AND THEN OF COURSE I AM ALSO INTERESTED IN WHO IS GOING TO HOLD THEM LATER AND INTEGRATE THEM INTO THEIR EVERYDAY LIFE.”

/Carsten Gollnick



Wie gehen Sie mit dem Thema Nachhaltigkeit um?
Ich möchte wissen, wo das Material für meine Produkte seinen Ursprung hat, wie die Dinge hergestellt werden und wer sie herstellt. Und dann interessiert es mich natürlich auch, wer sie später in den Händen hält und sie wie in seinen Alltag integriert.


Und wie wichtig sind die Materialien, mit denen Sie arbeiten?
Sehr, sehr wichtig. Jedes Material ist kostbar und sollte in Würde, also mit Achtung für seine Eigenheiten verarbeitet werden. Das Wissen um die Herkunft eines Stoffes, seine Kulturgeschichte und seine Verarbeitungsmöglichkeiten ist ein großer Bestandteil meiner Leidenschaft für Gestaltung.

Mit das Schwierigste beim Design ist, dass man Auftraggeber und Kunden gleichermaßen im Blick haben und zufrieden
stellen muss. Ist das für Sie ein großer Spagat?

Eigentlich nicht. Denn letztendlich weiß eine gute Firma mit hoher Designkultur, dass nur, wenn der Endkunde lang anhaltend zufrieden ist, das Projekt auch erfolgreich war.

Fühlen Sie sich manchmal von dem hohen Tempo der Industrie, den kurzen Zyklen durch Messen etc. unter Druck gesetzt?
Im Bereich der Produktentwicklung ist eindeutig eine Beschleunigung der Zyklen und Prozesse zu bemerken. Wer da nicht auf eine langjährig eingeübte Methodik und Projektmanagement als Designer zurückgreifen kann, der hat es schwer sich zu behaupten. Übrigens bin ich seit meinem Studium ein glühender Verfechter des Skizzenbuches. Es ist für mich ein nicht weg zu denkender „Tresor“ von wertvollen Ideen, Formen- und Farberinnerungen geworden. Mir hilft es schnell und qualitätvoll Antworten auf kreative Fragen zu geben.

\\ DE


What is your attitude to the subject of sustainability?
I want to know the origin of the material used for my products, how things are made and who makes them. And then of course I am also interested in who is going to hold them later and integrate them into their everyday life.


And how important are the materials you work with?
Very, very important. Every material is precious and should be processed and finished with dignity, in other words in appreciation of its idiosyncrasies. Knowledge about the origin of a substance or fabric, its cultural history and processing possibilities is a major part of my passion for design.

One of the most difficult things about design is you have to focus on both your client and the end customers, ensuring both are satisfied at the end of the day. Is that a bit of a balancing act for you?
Not really. Because ultimately, a good company with great design culture knows that a project is only successful if the end customer is satisfied long term.

Do you sometimes feel pressurised by the high speeds of industry, the short cycles which arise because of the fairs etc.?
In the area of product development, there is very definitely a noticeable acceleration of cycles and processes. If, as a designer, you cannot draw on a methodology and on project management you have practised for years, you could well have a tough time of it. Incidentally, since doing my studies I have been a fervent advocate of the sketchbook. For me it is a treasure trove of valuable ideas, and memories of shapes and colours that I simply cannot imagine being without. It helps me give quality answers to creative questions fast.

\\ EN




“KREATIVITÄT BRAUCHT SPIELRÄUME – WEIT GEFASST, UM DANN FOKUSSIERT AUF DEN PUNKT ZU KOMMEN.”
\\
“CREATIVITY NEEDS FREEDOM – IN ITS WIDEST SENSE – TO ALLOW YOU TO FOCUS ON THE CENTRAL POINT.”

/Carsten Gollnick





Ist es schwierig, unabhängig zu agieren und seinem eigenen Stil treu zu bleiben?
Es ist sicherlich eine Frage der Balance. Letztendlich zahlt es sich sowohl für den Hersteller, als auch für den Designer aus, konsequent an starken kreativen Konzepten festzuhalten. Am Ende ist der Verbraucher dankbar für bessere und individuellere Produktkonzepte, die sein Leben wirklich bereichern.


Wie stellt man es als Designer an, auf kluge Weise mit dem Markt älter zu werden?
Kreativität ist keine Frage des Alters. Lediglich die Energie, Ideen umzusetzen, nimmt ab.

Ein neues Projekt steht an, wie beginnen Sie den Prozess?
Wie gesagt, ich habe im Laufe der Jahre eine sehr ausgefeilte Methodik und ein klares Bild von einem strukturierten Produktentwicklungsprozess entwickelt. Die kreative Phase, die Visions- und Ideenentwicklung entzieht sich – zum Glück – jeder rationalen Steuerung. Dieser Prozess ist nach wie vor offen, spielerisch und von positiven Umwegen gekennzeichnet.

Was war für Sie persönlich Ihr bisher größter Erfolg?
Den einen größten Erfolg gibt es für mich nicht. Es sind eher die stillen Momente des Beobachtens, wenn ich zum Beispiel an einem fernen Ort ganz unerwartet ein von mir gestaltetes Produkt in sinnvollem Gebrauch und positiver Funktion wiedererkenne. Das ist, als wenn ich einen alten Freund wiedertreffe.

Welches Ihrer Objekte benutzen Sie gerne und warum?
Ich gehöre zu den Designern, der die eigenen Objekte gerne auch im Alltag benutzt. Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern eher mit Identifikation und Neugierde. Ideen und Entwürfe werden durch den Gebrauch auf eine gewisse Art und Weise geläutert.

Lassen Sie die Designwelt auch mal komplett hinter sich?
Es kommt darauf an, wie man Designwelt definiert. Die Szene oder das Medienecho zum Thema Design lasse ich häufig hinter mir. Die Freude an der Gestaltung und die Freude an dem Vorhandensein von schönen, dreidimensionalen Formen nie.

Interview 2017: Uta Abendroth, freie Journalistin, Hamburg

\\ DE


What is your attitude to the subject of sustainability?
I want to know the origin of the material used for my products, how things are made and who makes them. And then of course I am also interested in who is going to hold them later and integrate them into their everyday life.


And how important are the materials you work with?
Very, very important. Every material is precious and should be processed and finished with dignity, in other words in appreciation of its idiosyncrasies. Knowledge about the origin of a substance or fabric, its cultural history and processing possibilities is a major part of my passion for design.

One of the most difficult things about design is you have to focus on both your client and the end customers, ensuring both are satisfied at the end of the day. Is that a bit of a balancing act for you?
Not really. Because ultimately, a good company with great design culture knows that a project is only successful if the end customer is satisfied long term.

Do you sometimes feel pressurised by the high speeds of industry, the short cycles which arise because of the fairs etc.?
In the area of product development, there is very definitely a noticeable acceleration of cycles and processes. If, as a designer, you cannot draw on a methodology and on project management you have practised for years, you could well have a tough time of it. Incidentally, since doing my studies I have been a fervent advocate of the sketchbook. For me it is a treasure trove of valuable ideas, and memories of shapes and colours that I simply cannot imagine being without. It helps me give quality answers to creative questions fast.

Interview 2017: Uta Abendroth, freelance journalist, Hamburg

\\ EN





“DESIGN IST KEIN LUXUS, SONDERN EIN ALLTÄGLICHES VERSPRECHEN.”
\\
“DESIGN IS NOT A LUXURY BUT AN EVERYDAY PROMISE.”

/Carsten Gollnick



“JEDEM MATERIAL WOHNT EINE BESTIMMTE WÜRDE INNE. DIE LÄSST SICH DURCH GUTE GESTALTUNG BETONEN.”
\\
“THERE IS A CERTAIN DIGNITY INHERENT IN EVERY MATERIAL. IT CAN BE RELEASED AND ACCENTUATED BY DESIGN.”

/Carsten Gollnick


INTERVIEW MIT UTA ABENDROTH:

Haben Sie eine Idealvorstellung davon, was Design sein sollte?
Für mich bedeutet Design die Bereicherung unserer Alltagskultur und darüber hinaus sogar die Schaffung kultureller Werte. Es geht um die perfekte Balance von Technik, Philosophie und Poesie. Im dreidimensionalen Objekt vereint sich das Materielle als Phänomen von Licht, Schatten und Struktur. Menschliche Bedürfnisse nach funktionaler Sicherheit und Emotionalität sollen sich idealerweise in einem neuen ästhetischen Kontext versöhnen.

Und was ist Design für Sie: Mode, Lifestyle oder Haltung?
Ganz klar: Haltung! Ich bin stets aufs Neue neugierig auf die kreative Aufgabe. Ich möchte die Geschichte und die Herkunft meiner Produkte kennen lernen. Dafür brauche in Informationen, möchte wissen, wer das Objekt herstellen wird, warum es entworfen werden soll. Über allem steht die Frage, wer mein Produkt benutzen wird. Wie sehen die Hände aus, die es anfassen? Wie sieht das Umfeld aus, in dem es steht? Und welchen Gesichtsausdruck haben die Menschen, die es besitzen und benutzen?

Es ist immer öfter vom „Storytelling“ die Rede, egal ob in der Innenarchitektur oder bei der Produktgestaltung. Können
Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?

Ich würde eher von „Szenarischem Denken“ sprechen. Es ist doch so: Kein Objekt ist isoliert zu entwerfen oder zu begreifen. Jedes Ding ist in einen faszinierenden Kontext eingebunden, dabei geht es mal ums Wohnen, mal ums Arbeiten und mal ums Genießen. Diesen komplexen Produktkontext muss man als Kreativer verstehen und respektieren. Nur so kann man emotionale und relevante Produkte schaffen. Ich möchte dem Design, das durch Gebrauch und Funktion charakterisiert wird, eine poetisch-szenarische Komponente zur Seite stellen. So wie ich Gestaltung verstehe, geht es um eine sehr intensive und persönliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Am Ende erzählt das Produkt, ein dreidimensionales, berührbares Objekt, eine Geschichte. Im Idealfall ist es die Geschichte, in der es gelingt zu erklären, was dich als innerlich Designer bewegt und wo deine Wurzeln sind.

\\ DE


Do you have an ideal conception of what design should be?
For me, design is all about enriching our everyday culture and even goes as far as creating cultural values. It's all about the perfect balance of technology, philosophy and poetry. In a three-dimensional object, the material is united as a phenomenon of light, shade and structure. Man's needs for functional security and emotional involvement should ideally be reconciled in a new aesthetic context.


And what is design for you: fashion, lifestyle or attitude?
Very definitely attitude! I am always curious about the creative task. I want to find out about the history and origin of my products. For that purpose, I need information, would like to know who is manufacturing the object and the purpose of its design. Above all I want to know who is going to use my product. What do the hands that are going to touch it look like? What does the environment look like in which it is going to stand? And what is the expression on the face of the people who are going to own and use it?

People are talking more and more about "storytelling", both in interior design and product design. What does this term mean for you?
I would rather talk about "situative thinking". I see it like this: no object can be designed or understood in isolation. Every thing is integrated in a fascinating context, sometimes that context is residential, sometimes the object is in a working context and at other times it might be to do with pure pleasure. Working in a creative profession, you have to understand and respect this complex product context. Because that is the only way to create emotional and meaningful products. I want to give design what I call a poetic scenario characterised by purpose and function. The way I understand design, it is all about dealing with a subject in a very intense and personal way. At the end of the day, the product, in other words a three-dimensional, palpable object, tells a story. Ideally, it is a story that can explain what moves you as a designer and where your roots are.

\\ EN



Wussten Sie schon früh, dass Sie einen kreativen Beruf ergreifen würden?
Ich hatte das Glück, nicht gerade zu wissen, aber doch früh zu spüren, dass ich etwas Kreatives machen möchte. Mein erster Berufswunsch war Koch....


Was reizt Sie am Design?
Mich reizt der kreative Prozess an sich. Da entsteht etwas Sinngebendes, vielleicht etwas Schönes aus einem Gedanken. Der Weg von der Idee über die Zeichnung und das Modell, die Nutzung von analogen und digitalen Werkzeugen, die Kommunikation und das konstruktive Auseinandersetzen mit den Menschen, die die Idee in ein dreidimensionales Objekt umsetzen und dann das erste sinnliche Wahrnehmen, Anfassen, Riechen, Nutzen… – das fasziniert mich bis heute.

Was inspiriert Sie am stärksten?
Die Natur und ihre Phänomene. Eine sehr wichtige Rolle spielt für mich das Meer in all seinen Facetten und seine Grenzzone zum Land, die Küste.

Wer oder was hatte in stilistischer Hinsicht den größten Einfluss auf Sie?
Stilistik ist die Sprache, in der man gestalterisch spricht. Ich mag den japanischen Stil und den italienischen, manchmal den deutschen, häufig den französischen.

Sie haben eine starke Verbindung zu asiatischer Ästhetik. Wie kam es dazu?
Das ist eher eine Geschichte des „Gefunden Werdens“, als das ich mich da bewusst entschieden habe. Der ostasiatische Kulturraum, vorrangig Japan und Korea, faszinieren mich einfach. Es gibt viele, teilweise eher unspektakuläre Aspekte, die mich berühren. So etwa die philosophische Haltung gegenüber der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen, das Wertschätzen von Gestaltung bei allen Dingen und Details des alltäglichen Lebens. Oder der Umgang mit Farben und Oberflächen.

In Japan gibt es zum Beispiel keinen wertenden Unterschied zwischen Kunst und dem sensiblen Gestalten von schönen Gebrauchsgegenständen wie in unserem Kulturkreis. Die Schubladen „Kunst“, „Kunsthandwerk“ und „Produktdesign“ sind dort längst nicht so definiert wie bei uns. Außerdem beeindruckt mich das Prinzip des „mono no aware“, Dabei geht es um die Achtung der Eigenheit der Dinge, die sich aus der Traurigkeit über die Vergänglichkeit entwickeln und gleichzeitig dem Gefühl, sich damit abzufinden.

Zeitgeist und Zeitlosigkeit bedeuten für Sie …
Das Produkt für das Umfeld und den Nutzungsbedarfs des Menschen passend und poetisch gestaltet zu haben.

Was für eine Rolle spielen für Sie Begriffe wie Handwerk, Luxus oder Eleganz?
Die Begrifflichkeit Luxus ist schwer zu fassen. Er liegt für mich nicht in der Beschaffenheit, in vermeintlich reichen Materialien und Oberflächen. Vielmehr bedeutet Luxus, sich viel Zeit nehmen zu dürfen für den Entwurfsprozess, die Chance, nachhaltige und langlebige Materialien und Herstellungsverfahren wählen zu dürfen. Handwerk ist häufig eine Inspiration und spielt eine Schlüsselrolle bei der Überlegung, wie eine Idee umgesetzt, ein Objekt hergestellt werden kann. Und Eleganz im Design bedeutet für mich konzeptionelle Autonomie und emotionale Großzügigkeit sowie der würdevolle Umgang mit Material und Farbe. Eleganz ist mehr eine Frage der Haltung als ein rein formensprachlicher Ausdruck.

\\ DE


Did you know at an early stage that you were going to have a creative profession?
I was lucky enough not exactly to know but certainly to feel that I wanted to something creative. Originally I wanted to be a chef....


What fascinates you about design?
I just love the whole creative process. Design results in something meaningful, maybe something beautiful from a particular thought. The path from the idea through the drawing and the model, the use of both analogue and digital tools, the communication and the constructive discussions with the people who are going to transform your idea into a three-dimensional object, and then the first actual seeing, touching, smelling, using … – that is something that still fascinates me today.

What inspires you most?
Nature and its phenomena. The sea in all its facets plays a very important role for me as does its border area with land, in other words the coast.

Who or what had the greatest influence on you in terms of style?
Style is the language in which you talk in design terms. I like Japanese and Italian style, sometimes German style and often French style.

You have a very strong bond with Asian aesthetics. How did that come about?
That is more a story of "being found" as opposed to something I made a conscious decision about. I am just fascinated by the Eastern Asian cultural area, primarily Japan and Korea. There are many aspects, some of which quite unspectacular, that move me. For example the philosophical attitude to the design of commodities, the appreciation of design in all things and details of everyday life. Or the way they deal with colours and surfaces. In Japan, for example, there is no judgemental difference made between art and the sensitive designing of attractive commodities and you will certainly find that difference in our culture area. Unlike us, they have stopped having strict definitions and pigeon-holing of "art", "art craftsmanship" and "product design". In addition, I am impressed by the principle of "mono no aware" (the pathos of things). That is all about paying attention to the peculiarities of things which develop from the sadness about transience and at the same time the feeling of coming to terms with that.

In your opinion, the spirit of the times and timelessness mean …
Having designed the product appropriately and poetically for a particular environment and a person's usage requirements.

What role do the terms craftsmanship, luxury and elegance play for you?
The concept of luxury is difficult to define. For me it is not a question of texture, of supposedly rich materials and surfaces. Luxury is far more about being able to take a lot of time for the design process, the opportunity to be able to select sustainable and durable materials and manufacturing procedures. Craftsmanship is often an inspiration and plays a key role in the consideration of how an idea can be implemented and how an object can be made. And for me elegance in design means conceptual autonomy and emotional freedom as well as the dignified handling of material and colour. Elegance is more a question of attitude than a pure expression of design language.

\\ EN


“DESIGN SCHAFFT KULTURELLE WERTE – DIE PERFEKTE BALANCE VON TECHNIK, PHILOSOPHIE UND POESIE.”
\\
“DESIGN CREATES CULTURAL VALUES – THE PERFECT BALANCE OF TECHNOLOGY, PHILOSOPHY AND POETRY.”

/Carsten Gollnick


“ICH MÖCHTE WISSEN, WO DAS MATERIAL FÜR MEINE PRODUKTE SEINEN URSPRUNG HAT, WIE DIE DINGE HERGESTELLT WERDEN UND WER SIE HERSTELLT. UND DANN INTERESSIERT ES MICH NATÜRLICH AUCH, WER SIE SPÄTER IN DEN HÄNDEN HÄLT UND SIE WIE IN SEINEN HÄNDEN ALLTAG INTEGRIERT.”
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“I WANT TO KNOW THE ORIGIN OF THE MATERIAL USED FOR MY PRODUCTS, HOW THINGS ARE MADE AND WHO MAKES THEM. AND THEN OF COURSE I AM ALSO INTERESTED IN WHO IS GOING TO HOLD THEM LATER AND INTEGRATE THEM INTO THEIR EVERYDAY LIFE.”

/Carsten Gollnick



Wie gehen Sie mit dem Thema Nachhaltigkeit um?
Ich möchte wissen, wo das Material für meine Produkte seinen Ursprung hat, wie die Dinge hergestellt werden und wer sie herstellt. Und dann interessiert es mich natürlich auch, wer sie später in den Händen hält und sie wie in seinen Alltag integriert.


Und wie wichtig sind die Materialien, mit denen Sie arbeiten?
Sehr, sehr wichtig. Jedes Material ist kostbar und sollte in Würde, also mit Achtung für seine Eigenheiten verarbeitet werden. Das Wissen um die Herkunft eines Stoffes, seine Kulturgeschichte und seine Verarbeitungsmöglichkeiten ist ein großer Bestandteil meiner Leidenschaft für Gestaltung.

Mit das Schwierigste beim Design ist, dass man Auftraggeber und Kunden gleichermaßen im Blick haben und zufrieden
stellen muss. Ist das für Sie ein großer Spagat?

Eigentlich nicht. Denn letztendlich weiß eine gute Firma mit hoher Designkultur, dass nur, wenn der Endkunde lang anhaltend zufrieden ist, das Projekt auch erfolgreich war.

Fühlen Sie sich manchmal von dem hohen Tempo der Industrie, den kurzen Zyklen durch Messen etc. unter Druck gesetzt?
Im Bereich der Produktentwicklung ist eindeutig eine Beschleunigung der Zyklen und Prozesse zu bemerken. Wer da nicht auf eine langjährig eingeübte Methodik und Projektmanagement als Designer zurückgreifen kann, der hat es schwer sich zu behaupten. Übrigens bin ich seit meinem Studium ein glühender Verfechter des Skizzenbuches. Es ist für mich ein nicht weg zu denkender „Tresor“ von wertvollen Ideen, Formen- und Farberinnerungen geworden. Mir hilft es schnell und qualitätvoll Antworten auf kreative Fragen zu geben.

\\ DE


What is your attitude to the subject of sustainability?
I want to know the origin of the material used for my products, how things are made and who makes them. And then of course I am also interested in who is going to hold them later and integrate them into their everyday life.


And how important are the materials you work with?
Very, very important. Every material is precious and should be processed and finished with dignity, in other words in appreciation of its idiosyncrasies. Knowledge about the origin of a substance or fabric, its cultural history and processing possibilities is a major part of my passion for design.

One of the most difficult things about design is you have to focus on both your client and the end customers, ensuring both are satisfied at the end of the day. Is that a bit of a balancing act for you?
Not really. Because ultimately, a good company with great design culture knows that a project is only successful if the end customer is satisfied long term.

Do you sometimes feel pressurised by the high speeds of industry, the short cycles which arise because of the fairs etc.?
In the area of product development, there is very definitely a noticeable acceleration of cycles and processes. If, as a designer, you cannot draw on a methodology and on project management you have practised for years, you could well have a tough time of it. Incidentally, since doing my studies I have been a fervent advocate of the sketchbook. For me it is a treasure trove of valuable ideas, and memories of shapes and colours that I simply cannot imagine being without. It helps me give quality answers to creative questions fast.

\\ EN



“KREATIVITÄT BRAUCHT SPIELRÄUME – WEIT GEFASST, UM DANN FOKUSSIERT AUF DEN PUNKT ZU KOMMEN.”
\\
“CREATIVITY NEEDS FREEDOM – IN ITS WIDEST SENSE – TO ALLOW YOU TO FOCUS ON THE CENTRAL POINT.”

/Carsten Gollnick





Ist es schwierig, unabhängig zu agieren und seinem eigenen Stil treu zu bleiben?
Es ist sicherlich eine Frage der Balance. Letztendlich zahlt es sich sowohl für den Hersteller, als auch für den Designer aus, konsequent an starken kreativen Konzepten festzuhalten. Am Ende ist der Verbraucher dankbar für bessere und individuellere Produktkonzepte, die sein Leben wirklich bereichern.


Wie stellt man es als Designer an, auf kluge Weise mit dem Markt älter zu werden?
Kreativität ist keine Frage des Alters. Lediglich die Energie, Ideen umzusetzen, nimmt ab.

Ein neues Projekt steht an, wie beginnen Sie den Prozess?
Wie gesagt, ich habe im Laufe der Jahre eine sehr ausgefeilte Methodik und ein klares Bild von einem strukturierten Produktentwicklungsprozess entwickelt. Die kreative Phase, die Visions- und Ideenentwicklung entzieht sich – zum Glück – jeder rationalen Steuerung. Dieser Prozess ist nach wie vor offen, spielerisch und von positiven Umwegen gekennzeichnet.

Was war für Sie persönlich Ihr bisher größter Erfolg?
Den einen größten Erfolg gibt es für mich nicht. Es sind eher die stillen Momente des Beobachtens, wenn ich zum Beispiel an einem fernen Ort ganz unerwartet ein von mir gestaltetes Produkt in sinnvollem Gebrauch und positiver Funktion wiedererkenne. Das ist, als wenn ich einen alten Freund wiedertreffe.

Welches Ihrer Objekte benutzen Sie gerne und warum?
Ich gehöre zu den Designern, der die eigenen Objekte gerne auch im Alltag benutzt. Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern eher mit Identifikation und Neugierde. Ideen und Entwürfe werden durch den Gebrauch auf eine gewisse Art und Weise geläutert.

Lassen Sie die Designwelt auch mal komplett hinter sich?
Es kommt darauf an, wie man Designwelt definiert. Die Szene oder das Medienecho zum Thema Design lasse ich häufig hinter mir. Die Freude an der Gestaltung und die Freude an dem Vorhandensein von schönen, dreidimensionalen Formen nie.

Interview 2017: Uta Abendroth, freie Journalistin, Hamburg

\\ DE


What is your attitude to the subject of sustainability?
I want to know the origin of the material used for my products, how things are made and who makes them. And then of course I am also interested in who is going to hold them later and integrate them into their everyday life.


And how important are the materials you work with?
Very, very important. Every material is precious and should be processed and finished with dignity, in other words in appreciation of its idiosyncrasies. Knowledge about the origin of a substance or fabric, its cultural history and processing possibilities is a major part of my passion for design.

One of the most difficult things about design is you have to focus on both your client and the end customers, ensuring both are satisfied at the end of the day. Is that a bit of a balancing act for you?
Not really. Because ultimately, a good company with great design culture knows that a project is only successful if the end customer is satisfied long term.

Do you sometimes feel pressurised by the high speeds of industry, the short cycles which arise because of the fairs etc.?
In the area of product development, there is very definitely a noticeable acceleration of cycles and processes. If, as a designer, you cannot draw on a methodology and on project management you have practised for years, you could well have a tough time of it. Incidentally, since doing my studies I have been a fervent advocate of the sketchbook. For me it is a treasure trove of valuable ideas, and memories of shapes and colours that I simply cannot imagine being without. It helps me give quality answers to creative questions fast.

Interview 2017: Uta Abendroth, freelance journalist, Hamburg

\\ EN





“DESIGN IST KEIN LUXUS, SONDERN EIN ALLTÄGLICHES VERSPRECHEN.”
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“DESIGN IS NOT A LUXURY BUT AN EVERYDAY PROMISE.”

/Carsten Gollnick



“JEDEM MATERIAL WOHNT EINE BESTIMMTE WÜRDE INNE. DIE LÄSST SICH DURCH GUTE GESTALTUNG BETONEN.”
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“THERE IS A CERTAIN DIGNITY INHERENT IN EVERY MATERIAL. IT CAN BE RELEASED AND ACCENTUATED BY DESIGN.”

/Carsten Gollnick


INTERVIEW MIT UTA ABENDROTH:

Haben Sie eine Idealvorstellung davon, was Design sein sollte?
Für mich bedeutet Design die Bereicherung unserer Alltagskultur und darüber hinaus sogar die Schaffung kultureller Werte. Es geht um die perfekte Balance von Technik, Philosophie und Poesie. Im dreidimensionalen Objekt vereint sich das Materielle als Phänomen von Licht, Schatten und Struktur. Menschliche Bedürfnisse nach funktionaler Sicherheit und Emotionalität sollen sich idealerweise in einem neuen ästhetischen Kontext versöhnen.

Und was ist Design für Sie: Mode, Lifestyle oder Haltung?
Ganz klar: Haltung! Ich bin stets aufs Neue neugierig auf die kreative Aufgabe. Ich möchte die Geschichte und die Herkunft meiner Produkte kennen lernen. Dafür brauche in Informationen, möchte wissen, wer das Objekt herstellen wird, warum es entworfen werden soll. Über allem steht die Frage, wer mein Produkt benutzen wird. Wie sehen die Hände aus, die es anfassen? Wie sieht das Umfeld aus, in dem es steht? Und welchen Gesichtsausdruck haben die Menschen, die es besitzen und benutzen?

Es ist immer öfter vom „Storytelling“ die Rede, egal ob in der Innenarchitektur oder bei der Produktgestaltung. Können
Sie mit diesem Begriff etwas anfangen?

Ich würde eher von „Szenarischem Denken“ sprechen. Es ist doch so: Kein Objekt ist isoliert zu entwerfen oder zu begreifen. Jedes Ding ist in einen faszinierenden Kontext eingebunden, dabei geht es mal ums Wohnen, mal ums Arbeiten und mal ums Genießen. Diesen komplexen Produktkontext muss man als Kreativer verstehen und respektieren. Nur so kann man emotionale und relevante Produkte schaffen. Ich möchte dem Design, das durch Gebrauch und Funktion charakterisiert wird, eine poetisch-szenarische Komponente zur Seite stellen. So wie ich Gestaltung verstehe, geht es um eine sehr intensive und persönliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Am Ende erzählt das Produkt, ein dreidimensionales, berührbares Objekt, eine Geschichte. Im Idealfall ist es die Geschichte, in der es gelingt zu erklären, was dich als innerlich Designer bewegt und wo deine Wurzeln sind.

\\ DE


Do you have an ideal conception of what design should be?
For me, design is all about enriching our everyday culture and even goes as far as creating cultural values. It's all about the perfect balance of technology, philosophy and poetry. In a three-dimensional object, the material is united as a phenomenon of light, shade and structure. Man's needs for functional security and emotional involvement should ideally be reconciled in a new aesthetic context.


And what is design for you: fashion, lifestyle or attitude?
Very definitely attitude! I am always curious about the creative task. I want to find out about the history and origin of my products. For that purpose, I need information, would like to know who is manufacturing the object and the purpose of its design. Above all I want to know who is going to use my product. What do the hands that are going to touch it look like? What does the environment look like in which it is going to stand? And what is the expression on the face of the people who are going to own and use it?

People are talking more and more about "storytelling", both in interior design and product design. What does this term mean for you?
I would rather talk about "situative thinking". I see it like this: no object can be designed or understood in isolation. Every thing is integrated in a fascinating context, sometimes that context is residential, sometimes the object is in a working context and at other times it might be to do with pure pleasure. Working in a creative profession, you have to understand and respect this complex product context. Because that is the only way to create emotional and meaningful products. I want to give design what I call a poetic scenario characterised by purpose and function. The way I understand design, it is all about dealing with a subject in a very intense and personal way. At the end of the day, the product, in other words a three-dimensional, palpable object, tells a story. Ideally, it is a story that can explain what moves you as a designer and where your roots are.

\\ EN



Wussten Sie schon früh, dass Sie einen kreativen Beruf ergreifen würden?
Ich hatte das Glück, nicht gerade zu wissen, aber doch früh zu spüren, dass ich etwas Kreatives machen möchte. Mein erster Berufswunsch war Koch....


Was reizt Sie am Design?
Mich reizt der kreative Prozess an sich. Da entsteht etwas Sinngebendes, vielleicht etwas Schönes aus einem Gedanken. Der Weg von der Idee über die Zeichnung und das Modell, die Nutzung von analogen und digitalen Werkzeugen, die Kommunikation und das konstruktive Auseinandersetzen mit den Menschen, die die Idee in ein dreidimensionales Objekt umsetzen und dann das erste sinnliche Wahrnehmen, Anfassen, Riechen, Nutzen… – das fasziniert mich bis heute.

Was inspiriert Sie am stärksten?
Die Natur und ihre Phänomene. Eine sehr wichtige Rolle spielt für mich das Meer in all seinen Facetten und seine Grenzzone zum Land, die Küste.

Wer oder was hatte in stilistischer Hinsicht den größten Einfluss auf Sie?
Stilistik ist die Sprache, in der man gestalterisch spricht. Ich mag den japanischen Stil und den italienischen, manchmal den deutschen, häufig den französischen.

Sie haben eine starke Verbindung zu asiatischer Ästhetik. Wie kam es dazu?
Das ist eher eine Geschichte des „Gefunden Werdens“, als das ich mich da bewusst entschieden habe. Der ostasiatische Kulturraum, vorrangig Japan und Korea, faszinieren mich einfach. Es gibt viele, teilweise eher unspektakuläre Aspekte, die mich berühren. So etwa die philosophische Haltung gegenüber der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen, das Wertschätzen von Gestaltung bei allen Dingen und Details des alltäglichen Lebens. Oder der Umgang mit Farben und Oberflächen.

In Japan gibt es zum Beispiel keinen wertenden Unterschied zwischen Kunst und dem sensiblen Gestalten von schönen Gebrauchsgegenständen wie in unserem Kulturkreis. Die Schubladen „Kunst“, „Kunsthandwerk“ und „Produktdesign“ sind dort längst nicht so definiert wie bei uns. Außerdem beeindruckt mich das Prinzip des „mono no aware“, Dabei geht es um die Achtung der Eigenheit der Dinge, die sich aus der Traurigkeit über die Vergänglichkeit entwickeln und gleichzeitig dem Gefühl, sich damit abzufinden.

Zeitgeist und Zeitlosigkeit bedeuten für Sie …
Das Produkt für das Umfeld und den Nutzungsbedarfs des Menschen passend und poetisch gestaltet zu haben.

Was für eine Rolle spielen für Sie Begriffe wie Handwerk, Luxus oder Eleganz?
Die Begrifflichkeit Luxus ist schwer zu fassen. Er liegt für mich nicht in der Beschaffenheit, in vermeintlich reichen Materialien und Oberflächen. Vielmehr bedeutet Luxus, sich viel Zeit nehmen zu dürfen für den Entwurfsprozess, die Chance, nachhaltige und langlebige Materialien und Herstellungsverfahren wählen zu dürfen. Handwerk ist häufig eine Inspiration und spielt eine Schlüsselrolle bei der Überlegung, wie eine Idee umgesetzt, ein Objekt hergestellt werden kann. Und Eleganz im Design bedeutet für mich konzeptionelle Autonomie und emotionale Großzügigkeit sowie der würdevolle Umgang mit Material und Farbe. Eleganz ist mehr eine Frage der Haltung als ein rein formensprachlicher Ausdruck.

\\ DE


Did you know at an early stage that you were going to have a creative profession?
I was lucky enough not exactly to know but certainly to feel that I wanted to something creative. Originally I wanted to be a chef....


What fascinates you about design?
I just love the whole creative process. Design results in something meaningful, maybe something beautiful from a particular thought. The path from the idea through the drawing and the model, the use of both analogue and digital tools, the communication and the constructive discussions with the people who are going to transform your idea into a three-dimensional object, and then the first actual seeing, touching, smelling, using … – that is something that still fascinates me today.

What inspires you most?
Nature and its phenomena. The sea in all its facets plays a very important role for me as does its border area with land, in other words the coast.

Who or what had the greatest influence on you in terms of style?
Style is the language in which you talk in design terms. I like Japanese and Italian style, sometimes German style and often French style.

You have a very strong bond with Asian aesthetics. How did that come about?
That is more a story of "being found" as opposed to something I made a conscious decision about. I am just fascinated by the Eastern Asian cultural area, primarily Japan and Korea. There are many aspects, some of which quite unspectacular, that move me. For example the philosophical attitude to the design of commodities, the appreciation of design in all things and details of everyday life. Or the way they deal with colours and surfaces. In Japan, for example, there is no judgemental difference made between art and the sensitive designing of attractive commodities and you will certainly find that difference in our culture area. Unlike us, they have stopped having strict definitions and pigeon-holing of "art", "art craftsmanship" and "product design". In addition, I am impressed by the principle of "mono no aware" (the pathos of things). That is all about paying attention to the peculiarities of things which develop from the sadness about transience and at the same time the feeling of coming to terms with that.

In your opinion, the spirit of the times and timelessness mean …
Having designed the product appropriately and poetically for a particular environment and a person's usage requirements.

What role do the terms craftsmanship, luxury and elegance play for you?
The concept of luxury is difficult to define. For me it is not a question of texture, of supposedly rich materials and surfaces. Luxury is far more about being able to take a lot of time for the design process, the opportunity to be able to select sustainable and durable materials and manufacturing procedures. Craftsmanship is often an inspiration and plays a key role in the consideration of how an idea can be implemented and how an object can be made. And for me elegance in design means conceptual autonomy and emotional freedom as well as the dignified handling of material and colour. Elegance is more a question of attitude than a pure expression of design language.

\\ EN


“DESIGN SCHAFFT KULTURELLE WERTE – DIE PERFEKTE BALANCE VON TECHNIK, PHILOSOPHIE UND POESIE.”
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“DESIGN CREATES CULTURAL VALUES – THE PERFECT BALANCE OF TECHNOLOGY, PHILOSOPHY AND POETRY.”

/Carsten Gollnick


“ICH MÖCHTE WISSEN, WO DAS MATERIAL FÜR MEINE PRODUKTE SEINEN URSPRUNG HAT, WIE DIE DINGE HERGESTELLT WERDEN UND WER SIE HERSTELLT. UND DANN INTERESSIERT ES MICH NATÜRLICH AUCH, WER SIE SPÄTER IN DEN HÄNDEN HÄLT UND SIE WIE IN SEINEN HÄNDEN ALLTAG INTEGRIERT.”
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“I WANT TO KNOW THE ORIGIN OF THE MATERIAL USED FOR MY PRODUCTS, HOW THINGS ARE MADE AND WHO MAKES THEM. AND THEN OF COURSE I AM ALSO INTERESTED IN WHO IS GOING TO HOLD THEM LATER AND INTEGRATE THEM INTO THEIR EVERYDAY LIFE.”

/Carsten Gollnick



Wie gehen Sie mit dem Thema Nachhaltigkeit um?
Ich möchte wissen, wo das Material für meine Produkte seinen Ursprung hat, wie die Dinge hergestellt werden und wer sie herstellt. Und dann interessiert es mich natürlich auch, wer sie später in den Händen hält und sie wie in seinen Alltag integriert.


Und wie wichtig sind die Materialien, mit denen Sie arbeiten?
Sehr, sehr wichtig. Jedes Material ist kostbar und sollte in Würde, also mit Achtung für seine Eigenheiten verarbeitet werden. Das Wissen um die Herkunft eines Stoffes, seine Kulturgeschichte und seine Verarbeitungsmöglichkeiten ist ein großer Bestandteil meiner Leidenschaft für Gestaltung.

Mit das Schwierigste beim Design ist, dass man Auftraggeber und Kunden gleichermaßen im Blick haben und zufrieden
stellen muss. Ist das für Sie ein großer Spagat?

Eigentlich nicht. Denn letztendlich weiß eine gute Firma mit hoher Designkultur, dass nur, wenn der Endkunde lang anhaltend zufrieden ist, das Projekt auch erfolgreich war.

Fühlen Sie sich manchmal von dem hohen Tempo der Industrie, den kurzen Zyklen durch Messen etc. unter Druck gesetzt?
Im Bereich der Produktentwicklung ist eindeutig eine Beschleunigung der Zyklen und Prozesse zu bemerken. Wer da nicht auf eine langjährig eingeübte Methodik und Projektmanagement als Designer zurückgreifen kann, der hat es schwer sich zu behaupten. Übrigens bin ich seit meinem Studium ein glühender Verfechter des Skizzenbuches. Es ist für mich ein nicht weg zu denkender „Tresor“ von wertvollen Ideen, Formen- und Farberinnerungen geworden. Mir hilft es schnell und qualitätvoll Antworten auf kreative Fragen zu geben.

\\ DE


What is your attitude to the subject of sustainability?
I want to know the origin of the material used for my products, how things are made and who makes them. And then of course I am also interested in who is going to hold them later and integrate them into their everyday life.


And how important are the materials you work with?
Very, very important. Every material is precious and should be processed and finished with dignity, in other words in appreciation of its idiosyncrasies. Knowledge about the origin of a substance or fabric, its cultural history and processing possibilities is a major part of my passion for design.

One of the most difficult things about design is you have to focus on both your client and the end customers, ensuring both are satisfied at the end of the day. Is that a bit of a balancing act for you?
Not really. Because ultimately, a good company with great design culture knows that a project is only successful if the end customer is satisfied long term.

Do you sometimes feel pressurised by the high speeds of industry, the short cycles which arise because of the fairs etc.?
In the area of product development, there is very definitely a noticeable acceleration of cycles and processes. If, as a designer, you cannot draw on a methodology and on project management you have practised for years, you could well have a tough time of it. Incidentally, since doing my studies I have been a fervent advocate of the sketchbook. For me it is a treasure trove of valuable ideas, and memories of shapes and colours that I simply cannot imagine being without. It helps me give quality answers to creative questions fast.

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“KREATIVITÄT BRAUCHT SPIELRÄUME – WEIT GEFASST, UM DANN FOKUSSIERT AUF DEN PUNKT ZU KOMMEN.”
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“CREATIVITY NEEDS FREEDOM – IN ITS WIDEST SENSE – TO ALLOW YOU TO FOCUS ON THE CENTRAL POINT.”

/Carsten Gollnick





Ist es schwierig, unabhängig zu agieren und seinem eigenen Stil treu zu bleiben?
Es ist sicherlich eine Frage der Balance. Letztendlich zahlt es sich sowohl für den Hersteller, als auch für den Designer aus, konsequent an starken kreativen Konzepten festzuhalten. Am Ende ist der Verbraucher dankbar für bessere und individuellere Produktkonzepte, die sein Leben wirklich bereichern.


Wie stellt man es als Designer an, auf kluge Weise mit dem Markt älter zu werden?
Kreativität ist keine Frage des Alters. Lediglich die Energie, Ideen umzusetzen, nimmt ab.

Ein neues Projekt steht an, wie beginnen Sie den Prozess?
Wie gesagt, ich habe im Laufe der Jahre eine sehr ausgefeilte Methodik und ein klares Bild von einem strukturierten Produktentwicklungsprozess entwickelt. Die kreative Phase, die Visions- und Ideenentwicklung entzieht sich – zum Glück – jeder rationalen Steuerung. Dieser Prozess ist nach wie vor offen, spielerisch und von positiven Umwegen gekennzeichnet.

Was war für Sie persönlich Ihr bisher größter Erfolg?
Den einen größten Erfolg gibt es für mich nicht. Es sind eher die stillen Momente des Beobachtens, wenn ich zum Beispiel an einem fernen Ort ganz unerwartet ein von mir gestaltetes Produkt in sinnvollem Gebrauch und positiver Funktion wiedererkenne. Das ist, als wenn ich einen alten Freund wiedertreffe.

Welches Ihrer Objekte benutzen Sie gerne und warum?
Ich gehöre zu den Designern, der die eigenen Objekte gerne auch im Alltag benutzt. Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun, sondern eher mit Identifikation und Neugierde. Ideen und Entwürfe werden durch den Gebrauch auf eine gewisse Art und Weise geläutert.

Lassen Sie die Designwelt auch mal komplett hinter sich?
Es kommt darauf an, wie man Designwelt definiert. Die Szene oder das Medienecho zum Thema Design lasse ich häufig hinter mir. Die Freude an der Gestaltung und die Freude an dem Vorhandensein von schönen, dreidimensionalen Formen nie.

Interview 2017: Uta Abendroth, freie Journalistin, Hamburg

\\ DE


What is your attitude to the subject of sustainability?
I want to know the origin of the material used for my products, how things are made and who makes them. And then of course I am also interested in who is going to hold them later and integrate them into their everyday life.


And how important are the materials you work with?
Very, very important. Every material is precious and should be processed and finished with dignity, in other words in appreciation of its idiosyncrasies. Knowledge about the origin of a substance or fabric, its cultural history and processing possibilities is a major part of my passion for design.

One of the most difficult things about design is you have to focus on both your client and the end customers, ensuring both are satisfied at the end of the day. Is that a bit of a balancing act for you?
Not really. Because ultimately, a good company with great design culture knows that a project is only successful if the end customer is satisfied long term.

Do you sometimes feel pressurised by the high speeds of industry, the short cycles which arise because of the fairs etc.?
In the area of product development, there is very definitely a noticeable acceleration of cycles and processes. If, as a designer, you cannot draw on a methodology and on project management you have practised for years, you could well have a tough time of it. Incidentally, since doing my studies I have been a fervent advocate of the sketchbook. For me it is a treasure trove of valuable ideas, and memories of shapes and colours that I simply cannot imagine being without. It helps me give quality answers to creative questions fast.

Interview 2017: Uta Abendroth, freelance journalist, Hamburg

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“DESIGN IST KEIN LUXUS, SONDERN EIN ALLTÄGLICHES VERSPRECHEN.”
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“DESIGN IS NOT A LUXURY BUT AN EVERYDAY PROMISE.”

/Carsten Gollnick